Die Locke
Shownotes
Die Liebeslocke (Cadenette) – eine lange, abgesetzte Strähne auf der linken Seite – wurde nach 1620 zum politischen Erkennungszeichen der Anhänger Friedrichs V. von der Pfalz. Sie verband Minne-Verehrung der „Winterkönigin" Elisabeth Stuart mit protestantischem Treuebekenntnis und Widerstand gegen die katholische Habsburgermacht.
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00:00:00: Der nachfolgende Beitrag wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.
00:01:00: Also stell dir mal vor, du spazierst so durch die ehrwürdigen Hallen von einem richtig großen europäischen Kunstmuseum.
00:01:11: Du gehst an diesen riesigen in ölgemalten Porträts vorbei also aus dem Jahr sixteenhundertzwanzig ungefähr.
00:01:18: Ja diese ganz typischen Bilder
00:01:20: Genau, strenge Blicke, schwere Rüstungen diese extrem aufwendigen Spitzenkragen.
00:01:26: Die Luft in diesen Gemälden die riecht ja förmlich nach Pulverdampf und kalten Eisen!
00:01:31: Absolut
00:01:32: alles wirkte immer unglaublich formell und düster und auch wahnsinnig steif.
00:01:37: Richtig aber dann trittst du näher an ein ganz bestimmtes Bild heran.
00:01:43: Plötzlich ein Detail, das so gar nicht ins Bild von diesem hartgesottenen Feldherrn passen will.
00:01:50: Ja!
00:01:50: Ein Detail dass total aus der Reihe tanzt.
00:01:52: Da hängt nämlich plötzlich eine einzelne extrem lange Haarsträhne über seine linke Schulter.
00:01:59: Und nicht nur das Alter.
00:02:00: in diese Strähne ist liebevoll eine Seidenschleife eingeflochten.
00:02:04: Vielleicht schimmert da sogar noch eine Perle drin
00:02:07: Was im ersten Moment natürlich wirkt wie so'n Barocker Bad Hair Day.
00:02:10: Genau, aber das war es keineswegs.
00:02:12: Und genau das ist unsere Mission in der heutigen Detailanalyse der historischen Quellen!
00:02:18: Wir entschlüsseln heute mal wie genau diese scheinbar harmlose zarte modische Assessoires im siebzehnten Jahrhundert zu einer hochgefährlichen politischen Waffe wurde.
00:02:28: Einem Symbol, dass wirklich Loyalität bis in den Tod einforderte...
00:02:31: ...und das richtig tiefe politische Gräben zog.
00:02:34: also lass uns das mal aufdröseln.
00:02:36: Sehr gern.
00:02:36: Um die Sprengkraft von dieser Haarsträhne wirklich zu begreifen, müssen wir uns erst mal die europäische Landkarte jenerzeit ansehen.
00:02:43: Wir reden über den dreißigjährigen Krieg.
00:02:45: ne?
00:02:45: Exakt!
00:02:46: Wir befinden uns in der Frühphase dieses Krieges.
00:02:49: das ist ja eine der brutalsten unübersichtlichsten und chaotischsten Epochen der ganzen europäischen Geschichte Und wir betrachten heute nicht einfach nur eine kuriosa Haarmode sondern ein richtiges System der visuellen Kommunikation.
00:03:03: Weil es ja damals keine Massenmedien gab?
00:03:05: Genau, in einer Welt ohne Massen-Medien und das ist wichtig – ohne standardisierte militärische Uniformen im modernen Sinne!
00:03:13: Da war der eigene Körper eine wandelnde Litfassäule
00:03:16: Also für politische und religiöse Überzeugungen quasi
00:03:20: Richtig.
00:03:21: Adlige Monarchen Söldnerführer riskierten buchstäblich ihren Kopf für das was diese spezielle Haarlocke symbolisiert hat.
00:03:29: Wahnsinn!
00:03:31: Lass uns das visuelle Bild vielleicht noch ein bisschen schärfen für den Zuhörer.
00:03:35: Wir reden hier über die sogenannte Liebeslocke.
00:03:38: Ja, in den englischen Quellen oft Love-Loc genannt.
00:03:42: Genau, Love-LOC Und kurioserweise taugt in französischen Texten manchmal der Begriff Mustaches dafür auf
00:03:49: Was extrem irreführend ist
00:03:52: Total da denkt man ja sofort an einen Schnurrbad.
00:03:56: Oft wird sie in den Quellen auch Kardinet genannt und rein optisch sah das so aus.
00:04:00: Der Großteil der Haare war für die damaligen Verhältnisse recht normal geschnitten, viel vielleicht ein bisschen bis zum Kragen aber diese eine spezifische Partie meistens auf der linken Seite also auf der Herzseite oder der Schild-Seite ließ man ganz bewusst wachsen.
00:04:16: Die wurde deutlich länger als der Rest fast wie so'ne Ranke
00:04:18: Genau!
00:04:19: Und dann extrem aufwändig geschmückt.
00:04:22: Auf den ersten Blick wirkt das für uns heute wie die absolute Spitze der aristokratischen Dekadenz.
00:04:27: Aber die Quellen zeichne da ein völlig anderes Bild, das war ein knallhartes Signal der Partisanschaft!
00:04:33: Okay
00:04:33: also wirklich einen Ausweis auf welcher Seite man steht?
00:04:36: Absolut es war ein visuelles Treuebekenntnis dass man in Bruchteilen von Sekunden dekodieren konnte.
00:04:43: Wenn du im frühen siebzehnten Jahrhundert einen Raum oder auch ein Schlachtfeld betreten hast und diese Locke getragen hast, dann wusste jeder Anwesende sofort auf welcher Seite der diplomatischen und militärischen Frontlinien du standest.
00:04:56: Krass!
00:04:56: Kannst Du das historisch noch ein bisschen genauer einordnen?
00:04:59: Wer stand dagegen?
00:05:00: wehn?
00:05:01: Klar – Das katholische Haus Habsburg hielt damals eine gewaltige Hegemonialmacht über Europa Und dagegen formierte sich ein massiver existenzieller Widerstand, vor allem im protestantischen Lager.
00:05:13: Okay?
00:05:13: Und die Liebeslocke kristallisierte sich eben in genau diesem explosiven Klima als das Erkennungsmerkmal schlechthin heraus – sie wurde quasi zur textillosen Uniform für all jene, die sich der protestantische Union zugehörig
00:05:26: fühlten.".
00:05:27: Das ist im Grunde genommen ja wie das Tragen von einem Band-Shirt von so einer extrem nischigen Punkband heute…
00:05:34: Schöner Vergleich ja.
00:05:35: Oder wie so ein ganz spezifischer politischer Anstecker am Revers, du betrittst einen Raum siehst es symbolbar jemand anderem und der nonverbale Vertrag ist sofort geschlossen.
00:05:44: Genau nach dem Motto wir keilen dieselben Werte Wir stehen auf derselben Seite.
00:05:48: Aber das wirft bei mir eine ganz praktische Frage auf Wenn wir über diese Schlachtfelder des siebzehnten Jahrhunderts sprechen, also wir reben hier von Pikeniranen und schweren Kavalerieangriffen vom Nahkampf im Schlangen.
00:06:00: Ja
00:06:01: das war blutig!
00:06:02: Ist so eine lange geflochten Haarsträhne dann nicht ein massiver taktischer Nachteil?
00:06:07: Also einen buchstäblicher Griff für den Feind um dich vom Pferd zu ziehen?
00:06:11: Warum sollte ein Söldnerführer dieses Risiko eingehen?
00:06:14: Der
00:06:14: taktische NachteIL der war absolut real.
00:06:16: aber in der Logik der damaligen Zeit war das völlig zweitrangig
00:06:20: Echt?!
00:06:21: Ja, für diese Offizierskaste und den Hochadel.
00:06:24: Da wuckt die psychologische und politische Bedeutung von diesem Symbol einfach weitaus schwerer als das Risiko im Nahkampf.
00:06:30: Ah okay!
00:06:32: Zumal man auch sagen muss, diese Kommandeure saßen ja meistens schwer gepanzert auf ihren Pferden... ...und standen jetzt nicht unbedingt in der ersten Reihe der Pickeniergewalthaufen.
00:06:41: Stimmt es ergibt Sinn
00:06:42: Und die Locke signalisierte vor allem Unerschrockenheit.
00:06:45: Man hat dem Feind ganz offen gezeigt.
00:06:47: Ich verstecke meine Gesinnung nicht unter irgendeinem Helm, ich trage sie provokant zur Schau.
00:06:52: Und wurde das eigentlich nur von Männern auf dem Schlachtfeld getragen oder betraft es auch die Aristokratie zu Hause?
00:06:57: Das ist ein extrem faszinierender Aspekt unserer Quellen.
00:07:01: Dieses Zeichen reichte bis in die höchsten Royalen Kreise und – und das ist wichtig!
00:07:06: Es über Schritt geschlechter Grenzen.
00:07:08: Genau, die Quellen nennen daher prominente Beispiele König Christian IV.
00:07:13: von Dänemark zum Beispiel, ein extrem mächtiger Akteur auf dem europäischen Schachbrett... Richtig!
00:07:19: ...der trug dieses Symbol.
00:07:21: Aber noch eindrucksvoller finde ich das auch Frauen dieses Motiv in ihrer Inszenierung genutzt haben also Elisabeth Stewart die sogenannte Winterkönigin.
00:07:29: Oh ja eine zentrale Schlüsselfigur des protestantischen Widerstands
00:07:33: Genau, die ließ sich auf Porträtes ebenfalls mit dieser speziellen Strähne abbilden.
00:07:37: Sie war im Prinzip das Zentrum dieses Netzwerks!
00:07:40: Wenn Elisabeth Sturz sich mit dieser Locke portraitieren ließ, dann sandte sie eine ganz klare Botschaft an alle Höfe Europas.
00:07:47: Es war also ein Medium der Kommunikation?
00:07:49: Absolut!
00:07:50: Eines, dass den einfachen Sölkner Hauptmann optisch direkt mit der Königin verband – das demonstrierte eine geschlossene Front gegen diese harbsburgische Übermacht.
00:08:00: Also ein eiserner Ausweis der Loyalität.
00:08:03: Aber wenn wir jetzt noch tiefer in die Texte einsteigen, dann stoßen wir auf eine Ebene, die weit über so ne bloße Sympathie hinausgeht.
00:08:11: Ja hier wird es wirklich intensiv.
00:08:14: Diese Loyalitet hatte ja einen fast schon fanatischen Kern.
00:08:18: Die Locke war nicht einfach nur ein Bekenntnis wie man heute bei einer Wahl sein Kreuz macht.
00:08:22: Sie war ein physisches Versprechen.
00:08:24: Was hier wahnsinnig faszinierend ist, wir stoßen auf das Konzept der sogenannten Fessel.
00:08:29: In den englischen Quellen wird das oft als the wow also das Gelübde beschrieben.
00:08:34: Das gelübte okay?
00:08:35: Das ist der Punkt an dem dieser Mode in etwas zu tiefst Sakrales kippt.
00:08:40: Hinter dieser speziellen Locke stand ein absolut bindendes Gelüpte
00:08:44: Und die Haarsträhne war der Beweis dafür?
00:08:46: Exakt!
00:08:48: Die wachsende Haar sträne war das physische unübersehbare Manifest dieses Gelübtes.
00:08:53: Ein Offizier oder Fürst der Schwur feierlich, diese Haarsträhne unter absolut keinen Umständen abzuschneiden bis ein ganz spezifisches oft enorm ambitioniertes militärisches Ziel erreicht war.
00:09:06: Das ist ja im Grunde... Ich muss da irgendwie lachen!
00:09:09: Ist das exakte Prinzip vom Playoff-Bart beim Eishockey?
00:09:13: Ja, das stimmt.
00:09:14: Man
00:09:14: rasiert sich halt nicht, bis der Pokal gewonnen ist.
00:09:16: Das wachsende Haar ist der sichtbare Countdown einer Mission.
00:09:20: Nur war die Fallhöhe im siebzehnten Jahrhundert natürlich eine völlig andere als beim Eishockey.
00:09:25: Allerdings, ja!
00:09:26: Das konkrete Ziel an das dieses Gelübde geknüpft war – das war ja nicht irgendein unwichtiges Scharmützel.
00:09:32: Es ging um die Rückeroberung der Kurpfalz.
00:09:35: Exakt!
00:09:36: Wir müssen uns da wirklich mal das Jahr sixteenundzwanzig vor Augen führen.
00:09:40: Da gab es die Schlacht am Weißenberg und…das war eine traumatische, verheerende Niederlage für das protestantische Lager?
00:09:49: Friedrich V. der Kurfürst von der Pfalz und seine Frau eben jene besagte Elisabeth Sturth, die hatten alles auf eine Karte gesetzt.
00:09:56: Die hatten die Krone von Böhmen angenommen und alles verloren.
00:10:00: Sie mussten danach den Hark ins Exil fliehen?
00:10:02: Richtig!
00:10:03: Sie waren entwurzelt völlig ohne Land, ohne Macht – und um dieses exilierte Paar….
00:10:08: Da bildete sich nun ein harter Kern von Unterstützern.
00:10:11: Und diese Männer, die schworen genau dieses
00:10:13: Gelöbde.".
00:10:14: Also quasi meine Locke fällt erst wenn Friedrich und Elisabeth wieder auf dem Thron in Heidelberg sitzen?
00:10:19: Ganz genau!
00:10:20: Das war der Schwur...
00:10:21: Das bedeutet aber ja auch dass diese Locke mit jedem Monat, mit jedem Jahr indem das Ziel nicht erreicht wurde einfach immer länger wurde.
00:10:29: Ja
00:10:29: Sie waren also nicht nur ein Zeichen des Trotzes sondern irgendwie auch so ein wachsendes Dokument des bisherigen Scheitern.
00:10:37: Das ist ein interessanter Gedanke.
00:10:39: Ein ständiger,
00:10:40: peinlicher Beweis dafür dass die Mission halt noch unvollendet war.
00:10:45: das erfordert doch eine immense psychologische Härte.
00:10:50: aber da reibe ich mich an so einem massiven Widerspruch in den Quellen.
00:10:54: Welchen meinst du?
00:10:55: Auf der einen Seite haben wir diese blutige geopolitische Realität Kanonen, Seuchen, massakierte Söldner-Heere.
00:11:03: Der blanke Überlebenskampf ganzer Konfession!
00:11:07: Und auf der anderen Seite diese extrem romantische fast schon kitschige Inszenierung.
00:11:12: Seidenschleifen im Haar – Perlen?
00:11:15: Wie bringt man die grausame Kriegsrealität mit so einer Ästhetik
00:11:19: zusammen?!
00:11:20: Ich verstehe total, was du meinst.
00:11:22: Dieser scheinbare Widerspruch der löst sich aber auf wenn wir die drei Bedeutungsebenen betrachten, die in der Mentalität des siebzehnten Jahrhunderts hier nahtlos ineinander griffen.
00:11:33: Okay welche drei Ebenen sind das?
00:11:35: Wir neigen heute dazu Dinge immer strikt zu trennen also hier die Religion dort die Politik da drüben die Romantik.
00:11:43: damals war das aber eine feste Einheit.
00:11:45: alles hing zusammen.
00:11:47: ja Erstens hatten wir die konfessionelle Solidarität, also den Kampf für den Protestantismus.
00:11:53: Zweitens das politische Bündnis-Signal – Den Widerstand gegen das Haus Habsburg.
00:11:58: Und drittens?
00:11:59: Drittens und das erklärt genau diese spezifische, diese verspielte Ästhetik Das war die höfische Minnetradition.
00:12:06: Ah ok!
00:12:07: Also ein bewusstes Zurückgreifen auf ritterliche Ideale.
00:12:10: Ganz genau Es war im Grunde eine Reaktivierung mittelalterlicher Ritterlichkeit in einem Zeitalter der Feuerwaffen.
00:12:16: Spannend.
00:12:17: Man inszenierte sich selbst nicht als dreckigen, profitgierigen Söldner sondern also einen galanten Paladin.
00:12:27: Als jemand der sich völlig selbstlos dem Dienst an einer hohen Dame verschrieben hatte.
00:12:33: Und diese Dame das war dann Elisabeth Stuart?
00:12:36: Richtig!
00:12:38: Von ihren Anhängern wurde sie ja fast schon mystisch als die Rose von Böhmen verehrt und die Perlen und die Schleifen in der Locke.
00:12:48: Das war keine Eitelkeit im modernen Sinn,
00:12:51: sondern
00:12:51: das waren die Insignien dieses ritterlichen Dienstes.
00:12:55: Man zog für die Ehre einer Königin in den Krieg und die Locke war eben das sichtbare Band dass den Ritter an seine Herren gebunden hat.
00:13:04: Wahnsinn!
00:13:05: Wenn wir über diese extreme Form der Ritterlichen Hingabe sprechen da gibt es ja diesen einen Namen in unseren Aufzeichnungen an dem wir unmöglich vorbeikommen.
00:13:13: Du meinst Christian von Braunschweig?
00:13:15: Genau Christian von Braunschweig, bekannt als der tolle Halberstitter.
00:13:20: Wenn man sich seine Biografie mal so ansieht dieser Mann war die absolute Personifizierung dieses Fanatismus.
00:13:27: Absolut!
00:13:28: Er hat dieses Konzept der Liebeslocke und der Minne auf ein Level gehoben das aus heutiger Sicht fast schon wahnhaft wirkt oder?
00:13:37: Christian von BrownschweIG ist wirklich das extremen Beispiel.
00:13:40: Er veranschaulicht perfekt mit welcher emotionalen und ideologischen Wucht dieser Konflikt eigentlich aufgeladen war.
00:13:47: Weil er begnügte sich ja nicht einfach nur mit der Locke!
00:13:49: Richtig, unsere Quellen beschreiben extrem anschaulich wie er in die Schlacht geritten ist... ...er hatte sich einen persönlichen Handschuh von Elisabeth Sturth gut sichtbar an sein Helm oder an seinen Hut gesteckt.
00:14:01: Ja.
00:14:02: Stell dir dieses Szene mal vor.
00:14:03: Dieser Feld herreitet durch den dichten, beißenden Qualm der Musketensalven.
00:14:09: Überaluminärum sterben Menschen und an seinem Kopfpanzer David.
00:14:13: so ein zarter Damenhandschuh einer exilierten Königin!
00:14:17: Ein unfassbares Bild.
00:14:19: Und er ging ja noch weiter – er ließ eigene Münzen sogenannte Pfaffenfeind-Taler prägen.
00:14:24: Darauf stand das Motto «Paudieu é po elle» also für Gott und für sie.
00:14:29: Er hat das theologische und das ritterliche Motiv da buchstäblich in Silber gegossen.
00:14:34: Gott und die Königin, die standen bei ihm auf exakt derselben Stufe seiner persönlichen Mission.
00:14:39: Und
00:14:40: genau dieser Fanatismus, der erklärt eben auch warum die visuelle Abgrenzung so extrem ausfiel.
00:14:45: Wie meinst du das?
00:14:46: Naja wenn Du bereit bist für eine Sache so radikal in den Tod zu gehen dann willst Du Dich auch optisch radikal von all jenen Abgrenzen, die dieses Ideal nicht teilen.
00:14:57: Und hier wird es historisch besonders interessant, denn diese Abgrenzung die funktionierte in zwei völlig verschiedene Richtungen.
00:15:04: Okay, lass hören!
00:15:05: Einerseits natürlich gegen den Hauptfeid Die flamboyante Locke stand ja im absolut scharfen Kontrast zum extrem strengen dunklen und formellen Hofzeremoniell der spanischen Habsburger.
00:15:16: Ja das ergibt Sinn.
00:15:17: Man signalisierte so eine höfische Freiheit Eine Leichtigkeit, die dieser katholischen Stränge entgegengesetzt war.
00:15:24: Andererseits, und das war fast noch gefährlicher für sie, grenzte man sich von den Extremisten in den eigenen protestantischen Reihen ab.
00:15:31: Ah!
00:15:31: Du sprichst die Entwicklung in England an – also die Puritana?
00:15:34: Richtig.
00:15:35: In England formierte sich ja der Puritanismus.
00:15:38: Das war eine radikal religiöse Strömung, die alles weltliche, allen Schmuck jede Form der höfischen Pracht als sündhaft und als Götzendienst verachtet hat.
00:15:48: Die waren extrem streng...
00:15:50: Und sie trugen ihr Haar demonstrativ kurz, was ihnen dann später im Englischen Bürgerkrieg diesen abfälligen Spitznamen Roundheads also Rundköpfe einbrachte.
00:16:00: Stimmt!
00:16:00: Für einen Puritaner war die Liebeslocke ein theologischer Affront.
00:16:04: Es ging da nicht einfach darum dass sie die Frisur hässlich fanden.
00:16:08: Sie sahen darin einen direkten Angriff auf die göttliche Ordnung.
00:16:11: Die Quellen
00:16:12: heben da ja einen puritanischen Schriftsteller namens William Prynne besonders hervor, der Mann hat regelrechte Hasspampflete gegen diese Frisur verfasst.
00:16:23: Und wenn man seine Texte analysiert, dann versteht man auch dass das kein oberflächliches Mode-Bashing war.
00:16:29: PrynNE durchschaute das System total!
00:16:31: Er kannte, dass diese Locke ein tiefgründiges Partei abzeichen war.
00:16:37: Er sah darin nicht nur Eitelkeit, sondern eben die Zugehörigkeit zu einer elitären royalistischen Kultur.
00:16:44: Die der puritanischen Vorstellung von so einer reinen asketischen Gesellschaft einfach fundamental widersprach.
00:16:52: Für Prine war die Locke das Zeichen von Verweichlichung und moralischem Verfall eng verknüpft mit dem was die Puritana als Kryptokatholizismus am Englischen Hof fürchteten.
00:17:03: Genau, Brenner und seine Anhänger verstanden die politische und theologische Semantik der Locke wirklich perfekt.
00:17:09: Sie erkannten diese Bedrohung, die von diesem royalistischen Netzwerk ausging.
00:17:14: Die Hartracht war quasi die sichtbare Demakationslinie zweier völlig unvereinbarer Weltbilder, die dann in England ja wenig später in einem blutigen Bürgerkrieg aufeinanderpralen sollten.
00:17:27: Okay wenn ich das jetzt alles zusammenfüge Wer in Nordeuropa oder England mit so einer auffälligen, verzierten Liebeslocke auf der linken Schulter rum lief?
00:17:38: Das war ein protestantischer ritterlicher Rebell.
00:17:42: Richtig!
00:17:42: Ein Mann, der sich mit einem unbrechbarem Gelübde eine Königin im Exil verschrieben hatte... ...der den Kaiser stürzen wollte und dem diese puritanische Askäse zu tiefstzuwieder war.
00:17:53: Das ist ein extrem klares Profil finde
00:17:56: ich.".
00:17:56: Das stimmt.
00:17:57: aber und hier kommt der große Hacken.
00:17:58: Oh!
00:17:59: Das führt uns in eine logische Sackgasse, wenn wir uns den Rest von Europa ansehen.
00:18:03: Warum?
00:18:04: Wenn diese Locker das universelle eiserne Zeichen des protestantischen Widerstands war – wie erklären wir uns dann den Französischen Hof?
00:18:10: Ah ok, Frankreich war zu dieser Zeit unter König Ludwig
00:18:14: XIII.,
00:18:15: ja katholisch absolutistisch und hatte innenpolitisch seine ganz eigenen Konflikte…
00:18:20: Genau.
00:18:20: Und trotzdem finden wir genau dort diese Frisur!
00:18:23: Und das ist der Moment, in dem historische Quellenanalyse wirklich faszinierend wird – weil es uns zwingt unsere eigenen Verallgemeinerungen mal zu hinterfragen.
00:18:32: Wenn wir diese französischen Quellen mit den britischen und deutschen Kontext abgleichen dann stoßen wir auf eine fundamentale Erkenntnis.
00:18:39: Historische Mode so hochpolitisch sie auch sein mag die besitzt fast nie eine monolithische einheitliche Bedeutung über alle kulturellen und geografischen Grenzen hinweg.
00:18:49: Okay, verstehe.
00:18:50: In Frankreich trug man diese auffälligen Stränen also auch – die wurden dort wie wir anfangs erwähnt hatten Cadenets genannt.
00:18:57: Richtig!
00:18:58: Der Name der geht auf einen französischen Adligen zurück den Seigneur de Cadernet, der diesen Stil dort am Hof populär gemacht
00:19:06: hat.
00:19:06: Aber was war dann der Unterschied?
00:19:09: Der entscheidende Unterschied liegt komplett im Kontext.
00:19:13: Am französischen Hof fielte dieser militante religiös aufgeladene Protestcharakter, den wir im heiligen römischen Reich oder eben in England beobachten völlig.
00:19:22: Warte mal was?
00:19:23: In Frankreich dann tatsächlich nur ein reiner Mode trennt also völlig unpolitisch?
00:19:27: Nein!
00:19:28: Unpolitisch war an einem Hof wie dem von Ludwig XIII absolut gar nichts.
00:19:32: Das
00:19:32: dachte ich mir.
00:19:33: Aber die Politik, die funktionierte dort ganz anders...In Frankreich trug man die Kardinetts nicht als Zeichen der Rebellion sondern als Indikator für höfische Gunst.
00:19:43: Es war ein Instrument des persönlichen Favoritentums, wenn ein Höfling diese spezifische Locke trug dann kommunizierte er damit.
00:19:52: seht her ich bewege mich im allernächsten in bevorzugten Zirkel um den König oder um seine wichtigsten Berater.
00:19:59: Ah!
00:20:00: Es war also ein Zeichen von extremem Status innerhalb einer unangefochtenen Hierarchie?
00:20:07: Genau es war kein revolutionäres Gelöbde.
00:20:10: Niemand in Paris schwur beim Wachsen seiner Haare irgendwie die Kurpfalz zurück zur Erobern.
00:20:15: Das wäre auch seltsam gewesen!
00:20:17: Es war exakt dasselbe visuelle Symbol, also eine lange geschmückte Haarstrene auf der Schulter aber es war mit einem komplett konträren Bedeutungsinhalt gefüllt.
00:20:27: Wahnsinn, stell dir das mal vor!
00:20:29: Du reist als Adeliger im frühen siebzehnten Jahrhundert quer durch Europa.
00:20:33: Du stehst morgens in Paris auf, betrittst mit deiner perfekten von seide-durchwobenen Locke den Palast von Ludwig XIII?
00:20:40: Und alle bewundern dich.
00:20:42: Genau, die Leute lächeln dir zu!
00:20:44: Die nicken respektvoll.
00:20:45: du wirst als extrem einflussreicher Hüffling wahrgenommen Als der Liebling der Macht.
00:20:50: Ja
00:20:51: Wenn Du Dich aber am nächsten Tag mit exakt derselben Frisur auf ein Pferd setzt nach Norddeutschland reitest und dort in einen Herlager kommst dann ändert sich deine Identitätsschlagartig.
00:21:01: Von der einen Sekunde auf die andere.
00:21:02: Ohne dass Du auch nur ein Wort sagst oder ein Millimeter an Dir veränderst bist Du plötzlich ein eingeschworener Freiheitskämpfer Ein Rebell auf einer hochgefährlichen militärischen Mission.
00:21:14: Das Symbol bleibt gleich, aber die Geografie diktiert die Wahrheit.
00:21:17: Fantastisch!
00:21:19: Und genau das ist die Essenz, die wir aus diesem tiefen Eintauchen in die historischen Dokumente ziehen müssen.
00:21:25: Wenn wir heute diese Porträts aus dem siebzehnten Jahrhundert betrachten, dann dürfen wir diese vermeintlich banalen Details niemals vorschnell als bloße barocke Eichelkeit abtun.
00:21:35: Diese Liebeslocken, die waren hochkomplexe nonverbale Instrumente.
00:21:40: Sie waren – um es mal auf den Punkt zu bringen – politische Abzeichen aus Haar.
00:21:45: Politische AbZeichen aus haar das ist gut!
00:21:47: Ja
00:21:48: sie verkörperten in ihrer gebündelten Form eine enorme Unbeugsamkeit ritterliche Gelübde über Leben und Tod und die Zugehörigkeit zu ganz weitreichenden politischen Netzwerken.
00:22:00: Die Träger, die trugen ihr Herz und ihre politische Überzeugung nicht versteckt sondern physisch greifbar und gut sichtbar auf der Schulter.
00:22:09: Und das ist ein Mechanismus, der uns ja heute eigentlich extrem vertraut sein sollte!
00:22:13: Denn auch wenn wir heute keine perlenbesetzten Haarsträhnen mehr tragen um Kriege zu erklären – die Psychologie dahinter haben wir nicht abgelegt?
00:22:22: Überhaupt nicht nein…
00:22:23: Das nächste Mal, wenn du beobachtest wie sich Menschen im Netz über die Farbe einer Krawatte streiten.
00:22:28: Über ganz bestimmte Sneakermarken, über Anstecknadeln am Rever von Politikern oder darüber dass ein bestimmter Haarschnitt plötzlich zum Erkennungszeichen von so ner politischen Randgruppe wird.
00:22:41: Dann erinnere dich einfach an Christian von Braunschweig und seinen Handschuh!
00:22:45: Ein sehr guter Vergleich.
00:22:47: Wir tun das ja ununterbrochen.
00:22:48: Wir nutzen unseren Körper, unsere Kleidung um unserem Umfeld in Sekunden Bruchteilen zu signalisieren, zu welchem Stamm wir eigentlich gehören.
00:22:56: Wer feint es und wer verbündet er?
00:22:58: Genau!
00:22:59: Die Textealing Oats haben sich in den letzten vierhundert Jahren gewandelt.
00:23:04: aber dass menschliche Bedürfnis nach sichtbarer Zugehörigkeit das ist exakt dasselbe geblieben
00:23:10: Und das führt uns noch zu einer finalen einer sehr provokanten Überlegung finde ich wenn wir mal den Bogen von der Geschichte in die Dynamik unserer eigenen Kultur schlagen.
00:23:18: Hau raus!
00:23:19: Wir haben heute gesehen, wie ernst, wie blutig und tiefgründig dieses Gelübde-der-Liebeslocke ursprünglich einmal war.
00:23:25: Männer sind dafür gestorben?
00:23:27: Ja... Genau.
00:23:28: Und Puritana, wie William Prynne, die fürchteten sie zurecht als Waffe.
00:23:33: Aber was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn so ein tiefgrüniges, also ein politisches Symbol irgendwann von der nächsten Generation einfach nur noch kopiert wird weil die Ästhetik zufällig cool
00:23:43: aussieht?!
00:23:44: Oh ja, das ist ein guter Punkt.
00:23:46: Was geschieht wenn junge Menschen anfangen einen Zeichen zu tragen ohne auch nur im Ansatz den brutalen Krieg zu verstehen aus dem der Symbol geboren wurde?
00:23:54: Ab welchem Punkt verdampft diese revolutionäre Macht von so einem Symbol völlig und hinterlässt nichts weiter als eine leere bedeutungslose Requisite in der Popkultur?
00:24:03: Wahnsinn!
00:24:04: Ja?!
00:24:05: Das ist wirklich die Art von Frage, die einen noch lange nach dem Museumsbesuch begleiten kann.
00:24:09: Die Grenze zwischen einem Symbol des absoluten Überlebenskampfes und einem völlig sinnentlehrten Modeststatement – dies oft nur eine Generationsbreit!
00:24:19: Wenn du also das nächste Mal vor einem alten Gemälde oder auch vor einem aktuellen Nachrichtenbild stehst, schau wirklich auf die Details.
00:24:26: Denn gerade diese Dinge, die am banalsten wirken, erzählen oft die lautesten Geschichten.
00:24:32: Danke, dass du uns heute bei dieser Untersuchung begleitet hast.
00:24:35: Bleib neugierig hinter Frage das Offensichtliche und bis zum nächsten Mal!
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