Wider das Vergessen
Shownotes
Diese Episode bietet eine strukturierte Übersicht über digitale Ressourcen und Zeitzeugenberichte aus der Ära des Dreißigjährigen Krieges. Es wird zwischen Primärquellen, wie persönlichen Tagebüchern und Briefen, und wissenschaftlichen Einordnungen differenziert, die den historischen Kontext erläutern. Besonders hervorgehoben werden die Aufzeichnungen von Personen verschiedenster sozialer Schichten, darunter Söldner, Handwerker und Ordensleute, um ein vielschichtiges Bild des damaligen Alltags zu zeichnen. Zudem verweist die Episode auf renommierte Online-Archive und multimediale Dokumentationen, die den Zugang zu diesen historischen Dokumenten erleichtern. Damit dient die Zusammenstellung als wertvolle Orientierungshilfe für die akademische Recherche oder das allgemeine geschichtliche Interesse an dieser Krisenzeit.
Foto: Nano banana 2 Musik: Background Musiclab/Renaissance Riverie/Pixabay
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00:00:01: Der nachfolgende Beitrag wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.
00:00:13: Stell dir mal vor, du könntest also wirklich so ganz direkt die privaten Chat-Verläufe lesen oder diese hasstig getippten Notizen auf dem Handy – die intimsten Tagebücher von Menschen, die einfach den absoluten Weltuntergang miterlebt haben
00:00:32: und zwar nicht in irgendeinem dystopischen Film
00:00:35: Genau, nicht Hollywood.
00:00:36: Sondern in der echten Realität vor über vierhundert Jahren.
00:00:41: Und genau diese Art von intimem Einblick liefern uns diese Dokumente aus dem dreißigjährigen Krieg die wir uns in unserer heutigen Recherche mal ganz genau ansehen wollen.
00:00:52: und das ist wirklich ein Wahnsinns-Thema
00:00:54: Absolut!
00:00:55: Denn wenn wir in dieser alten Papiere schauen dann geht es zur Abwechslung mal nicht um irgendwelche Generäle.
00:01:01: Weißt du diese Typen, die aus der sicheren Distanz so kleine Holzfiguren auf Landkarten hin und her schieben?
00:01:06: Die großen Strategen
00:01:08: hier.
00:01:08: Genau die nicht!
00:01:09: Es geht nicht um Könige es geht nicht Um abstrakte Friedensverträge.
00:01:13: Wir blicken hier direkt durch die Augen derer, die das Gemetzel den Hunger die brennenden Dörfer wirklich hautnah überlebt
00:01:23: haben.
00:01:23: Und das verändert unser gesamtes Verständnis von dieser Epoche komplett?
00:01:27: Total!
00:01:28: Weil der Dreißigjährige Krieg, das muss man sich immer wieder klar machen... Das war eine der verheerendsten Katastrophen der europäischen Geschichte überhaupt.
00:01:35: Es gab da Regionen, die haben bis zu zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.
00:01:39: Zwei
00:01:40: Drittel?!
00:01:41: Das ist unvorstellbar.
00:01:42: Das ist quasi kaum zu fassen.
00:01:45: Und wenn wir uns dem nähern wollen, also wirklich verstehen wollen was das mit den Menschen gemacht hat dann müssen wir diese ausgetretenen Fade der reinen Politikgeschichte einfach mal verlassen.
00:01:55: Unsere Quellen heute und es ist eine wirklich beeindruckende Sammlung von digitalisierten Originaltexten und wissenschaftlichen Einordnungen die führen uns direkt in die Psyche der Menschen des siebzehnten Jahrhunderts.
00:02:11: Wir schauen nämlich auf sogenannte Selbstzeugnisse.
00:02:14: Selbstzeugnisse, genau da haken wir direkt mal ein.
00:02:17: Denn in den Unterlagen der Bundeszentrale für politische Bildung also der BBP die uns hier vorlegen... Da gibt es einen extrem dichten Text genau über diese Selbstzeugnisse.
00:02:28: Ja ein sehr wichtiger Text.
00:02:29: Und allein der Titel von diesem Text das ist schon wie so'n Schlag in die Magengrube.
00:02:34: Der heißt nämlich dass sich einem Stein sollt erbarmet haben
00:02:38: Ein unfassbar starker Satz
00:02:41: Und das ist ein Original-Zitat aus der damaligen Zeit.
00:02:44: Das transportiert diese absolute bodenlose Verzweiflung und wenn Leute damals ihre Erlebnisse in Kroniken oder Tagebüchern festhalten, da gibt es übrigens dieses landeskundliche Portal LeoBW Genau die Schlüsseln dieser Gattung der Kronik für den südwestdeutschen Raum echt wunderbar auf.
00:03:05: Und wenn man das liest, dann merkt man dass es oft einfach nur der Versuch in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt irgendwie noch einen Sinn zu finden.
00:03:14: Dieses Zitat also... Dass sich einem Stein sollt er bar mit haben.
00:03:20: Das fällt interessanterweise oft im Zusammenhang mit ganz extremen Gewaltexzessen Wie
00:03:24: zum Beispiel?
00:03:25: Ähm
00:03:26: wie etwa der völligen Zerstörung Magdeburgs.
00:03:29: Das war ja so ein absolutes Trauma dieser Zeit Stimmt!
00:03:32: Wenn wir solche Berichte lesen dann betreten wir eigentlich das Feld der Mentalitätsgeschichte.
00:03:37: Wir rekonstruieren da nicht, wie viele Kanonen auf irgendeinem Hügel standen...
00:03:42: Sondern?
00:03:43: ...sondern wie die Gesellschaft dieses unfassbare Leid kognitiv überhaupt verarbeitet hat.
00:03:48: Ein Tagebuch aus dieser Zeit ist keine nüchterne Exeltabelle der Ereignisse.
00:03:53: Weißt du?
00:03:54: Ja klar!
00:03:54: Es ist vielmehr ein Raum für Emotionen, für theologische Zweifel und für nackte Panik.
00:04:00: Aber genau da sehe ich eine massive Methodische Herausforderung für uns und auch für jeden der das liest.
00:04:08: Wenn jetzt einer direkt aus dem Schützengraben schreibt oder aus den Ruinen von seinem gerade geplünderten Dorf, dann ist es doch unweigerlich eine extrem voreingenommene Perspektive oder nicht?
00:04:20: Ich meine die Leute standen unter Schock!
00:04:23: Die hatten ihre eigenen religiösen Überzeugungen.
00:04:26: Katholiken haben da ganz anders über die Gräuels geschrieben als Protestanten.
00:04:31: Absolut Da prallen Welten aufeinander.
00:04:34: Wie entwirren wir denn da bei der Lektüre historische Fakten von, sagen wir mal, subjektiver Panikmache oder sogar bewusste Übertreibung?
00:04:43: Fallen wir dann nicht auf Fake News aus dem siebzehnten Jahrhundert rein?
00:04:46: Das ist eine super wichtige Frage!
00:04:48: Aber die Antwort ist eigentlich in dem wir akzeptieren dass diese Panik und diese Voreingenommenheit selbst historische fakten sind.
00:04:56: Okay
00:04:56: warte das musst du erklären.
00:04:57: Also... Die Angst der Menschen ist real Auch wenn die Zahl der feindlichen Soldaten vielleicht in dem Moment maßlos übertrieben wurde, weil sie einfach in Panik waren.
00:05:06: Wenn wir diese Ego-Dokumente auswerten dann suchen wir die wahrhaftige Erfahrung des Einzelnen
00:05:11: Verstehe.
00:05:12: Wir suchen da nicht die objektive Wahrheit des Gesamtgeschehens.
00:05:15: dafür haben wir andere Quellen.
00:05:17: natürlich müssen wir diese Texte immer flankierend mit Sekundärquellen abgleichen
00:05:21: eben um das einzuordnen
00:05:23: Genau.
00:05:24: Die BPB-Materialien machen das sehr gut, wir müssen zum Beispiel wissen hat der Chronist eine Ereignis wirklich selbst gesehen oder schreibt er da nur irgendwelche Gerüchte auf die er auf dem Marktplatz aufgeschnappt hat?
00:05:35: Ach so ja!
00:05:36: Wenn wir diesen Filter im Kopf haben dann wird die Subjektivität der Autoren nicht zum Störfaktor sie wird zum eigentlichen Schatz unserer Recherche.
00:05:44: Okay das heißt wir suchen also die emotionale Wahrheit der Epoche.
00:05:48: Perfekt zusammengefasst Ja
00:05:49: Das leuchtet absolut ein.
00:05:51: Und was mich beim Durcharbeiten unserer Quellen echt am meisten fasziniert hat, ist die unglaubliche Bandbreite dieser Stimmen.
00:05:59: Wir haben hier einen regelrechten Querschnitt der damaligen Gesellschaft vor uns liegen – vom hochrangigen Fürsten bis zum einfachen Fußvolk ist da quasi alles dokumentiert!
00:06:16: In unseren Unterlagen haben wir da die wissenschaftlich kommentierte digitale Edition der Tagebücher von Christian, dem zweiten von Anhalt Bernburg.
00:06:24: Ein protestantischer Fürst?
00:06:25: Genau ein protestanticher Fürst und wenn wir seine Einträge lesen dann sehen wir eher diese europäische Makro-Ebene
00:06:32: also Diplomatie und so
00:06:33: richtig diplomatische Ränkespiele Bündnispolitik strategische Überlegungen für das große Ganze
00:06:40: aber Und das wandte ich krass selbst bei ihm, also einem Typen mit unfassbar viel Macht.
00:06:45: Merkt man beim Lesen wie ihm die Kontrolle völlig entgleitet?
00:06:49: Ja
00:06:49: Der sitzt zwar in den Machtzentren aber er ist dem unvorhersehbaren Wellen dieses Krieges – den Seuchen und den finanziellen Ruinen letztlich genauso ausgeliefert.
00:06:57: Er dokumentiert da im Grunde genommen seinen eigenen Machtverlust in Echtzeit.
00:07:01: Das ist genau der Punkt!
00:07:03: Der Krieg machte vor Standesgrenzen absolut keinen Halt Aber je weiter wir in der Hierarchie nach unten gehen Das ist in seiner Art noch relativ militärisch geprägt.
00:07:37: Absoluter Ausnahmetext, der uns für diese Zeit vorliegt.
00:07:41: Der stammt von einem Mann namens Peter Hagendorf.
00:07:44: Oh ja, Hagendorff!
00:07:46: Also das ist wirklich ein Dokument... ...das einen beim Lesen fast sprachlos macht.
00:07:51: Hagendorp war ja ein Söldner.
00:07:54: Ein einfacher Söldener?
00:07:55: Ja
00:07:55: Und er ist nicht einfach nur in eine Schlacht gezogen und hat ein bisschen gekämpft und ist wieder nach Hause gegangen.
00:08:00: Der Mann ist fast den gesamten dreißigjährigen Krieg über durch ganz Europa marschiert.
00:08:04: Eine unfassbare Strecke.
00:08:06: Wir reden hier von geschätzten zweiundzwanzigtausend Kilometern.
00:08:11: Zweiund zwanzig tausend, die der zu Fuß zurückgelegt hat von Italien bis an die Ostsee kreuz und quer durch das heilige Römische Reich.
00:08:19: Und er war ja nicht allein!
00:08:21: Nein überhaupt nicht.
00:08:22: Seine Frauen seine Kinder zogen mit ihm In diesem sogenannten Tross Also dieser riesigen mobilen Stadt aus Zivilisten Die den Armeelen damals immer gefolgt ist.
00:08:33: Das Tagebuch von Hagendorf Ist in seiner Tonalität wirklich unerreicht.
00:08:38: Was den Leser heute so verstört, ist diese fast schon lakonische ja völlig nüchterne Art mit der er unfassbares Leid protokolliert.
00:08:48: Er listet in seinen Aufzeichnungen die Preise für ein Leibbrot auf, beschreibt detailliert den Kauf von neuen Schuhen
00:08:54: und
00:08:55: im nächsten Satz erwähnt er völlig emotionslos das eines seiner Kinder gestorben ist.
00:09:01: Er hat auf diesen ewigen Märchen seine erste Frau und insgesamt sieben Kinder verloren.
00:09:06: Genau dieser Kontrast ist so schwer zu greifen.
00:09:09: Er schreibt über den Tod seiner eigenen Familie fast so, als würde er über das Wetter schreiben.
00:09:14: Da fragt man sich unweigerlich – war der Mann komplett abgestumpft?
00:09:18: Das fragt Man sich sofort.
00:09:19: ja!
00:09:20: Oder ist diese Nüchternheit eigentlich ein psychologischer Schutzpanzer?
00:09:25: Ich meine, wenn du jeden Tag von Leichen und extremer Gewalt umgeben bist dann brichst du vielleicht einfach komplett zusammen.
00:09:33: Wenn du jeden einzelnen Verlust emotional voll an dich heranlässt.
00:09:37: Er dokumentiert eigentlich nur das nackte Überleben.
00:09:41: Es ist mit Ansicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Schutzmechanismus.
00:09:45: Hagendorf's Fokus liegt voll und ganz auf der Aufrechterhaltung der eigenen Existenz.
00:09:51: Das Schreiben selbst ist bei ihm eine fast schon buchhalterische Tätigkeit des Überlebens.
00:09:56: Er dokumentiert Krankheiten, die Lazarettaufenthalte, die Bezahlung oder eben oft die Nichtbezahlung seines Solts.
00:10:04: Ja das kam oft vor!
00:10:06: Und durch seine Augen begreifen wir dass dieser Krieg für die Söldner weniger ein großer ideologischer Kampf um die wahre Religion war?
00:10:14: Wie es oft dargestellt wird?
00:10:15: Genau.
00:10:16: Für sie war's ein brutales, dreckiges Handwerk.
00:10:19: Es ging um reine Ressourcen.
00:10:21: Wenn die Armee weiter zog dann lag das oft einfach daran Weil ein Landstrich komplett leer gefressen war und sie woanders nah rum
00:10:28: brauchten.
00:10:30: Wahnsinn.
00:10:31: Aber warte mal kurz Hagendorf war ja Söldner Der war Teil dieser riesigen Militärmaschinerie.
00:10:36: Ja
00:10:37: Da gab es vielleicht noch Schreiber oder irgendwie eine Art administrative Struktur.
00:10:41: Aber in unseren Quellen tauchen ja auch ganz andere Namen auf, Leute bei denen ich mich echt wundere!
00:10:46: Wer meinst du?
00:10:47: Kaspar Preis zum Beispiel Das war ein einfacher Bauer aus Hessen.
00:10:52: Oder Hans Heberle Ein Schumacher aus Nähnstätten in der Nähe von Ulm.
00:10:57: Der hat ein Dokument hinterlassen das er sein Zeitzregister nannte.
00:11:01: Ein
00:11:01: fantastisches Dokument
00:11:03: Ja, aber wie zur Hölle konnte ein einfacher Handwerker oder einen Bauer in einem brennenden Land überhaupt so etwas schreiben?
00:11:10: Man hat doch oft dieses Bild vom völlig ungebildeten Mittelalter- oder frühener Zeitbauern im Kopf der nicht mal seinen Namen tanzen kann.
00:11:17: Geschweige den schreiben!
00:11:19: Das Bild haben viele ja
00:11:21: Und Papier war extrem teuer Tinte war teuer.
00:11:24: Und wenn Söldner wie Hagendorf durch dein Dorf ziehen und alles kurz und klein schlagen, woher nimmt so jemand dann bitteschön die Zeit und die Bildung um ein detailliertes Tagebuch zu führen?
00:11:35: Dieser Punkt zwingt uns wirklich dazu unsere sehr klischeehaften Bilder von der frühen Neuzeit mal gründlich zu revidieren.
00:11:42: Der Bildungsstand insbesondere was die reine Lesefähigkeit angeht, der war im frühe siebzehnten Jahrhundert in vielen Regionen deutlich höher als wir langläufig annehmen.
00:11:51: Echt?!
00:11:52: Ja!
00:11:52: Hans Heberle zum Beispiel lebte im protestantischen Württemberg.
00:11:57: Und durch die Reformation und Martin Luthers Forderung, dass jeder Christ die Bibel in seiner Muttersprache selbst lesen können sollte... Aha!
00:12:04: Das macht Sinn.
00:12:05: Genau.
00:12:06: Dadurch gab es einen massiven Schub in der Alphabetisierung.
00:12:09: Handwerker wie Heberleh konnten in der Regel lesen und auch schreiben – und Papier….
00:12:14: ja das war zwar ein absolutes Luxusgut im Vergleich zu heute.
00:12:17: Klar
00:12:17: Aber für einen etablierten Handwerka war das durchaus finanzierbar und machbar.
00:12:22: Okay
00:12:22: Das beantwortet das Wie.
00:12:24: Aber das Warum, finde ich fast noch viel spannender.
00:12:27: Warum um alles in der Welt setzt sich ein Schuhmacher in den Trümmern seiner Existenz hin und verfasst ein ganzes Zeitregister?
00:12:35: Eine gute Frage!
00:12:36: Heber-Ale beschreibt ja selbst wie er vor den heranrückenden Truppen immer und immer wieder in die befestigte Stadt Ulm fliehen musste.
00:12:44: Über dreißig Mal glaube ich hat er sein Hab und Gut gepackt.
00:12:50: Er hat diese massive Inflation miterlebt.
00:12:53: Er hat gesehen, wie alles was er sich mühsam aufgebaut hat zerstört wurde.
00:12:57: Warum nimmt man in dieser totalen absoluten Erschöpfung noch eine Feder in die Hand?
00:13:02: Weil das Schreiben für ihn der letzte ja vielleicht verzweifelte Versuch ist noch irgendeine Form von Kontrolle aus zu üben.
00:13:09: Kontrolle
00:13:10: Ja Wenn die Welt um dich herum absolut chaotisch wird wenn nichts mehr sicher ist und die Gewalt buchstäblich jederzeit über dich hereinbrechen kann
00:13:18: dann schreibst du.
00:13:19: Dann ist das Festhalten von Daten und Ereignissen ein psychologischer Anker!
00:13:24: Heberle beginnt sein Zeitregister ja interessanterweise sogar schon sechzehnhundertachzehn, als er diesen riesigen Kometen am Himmel beobachtet.
00:13:32: Ah stimmt!
00:13:32: Für ihn war das ein Vorzeichen – ein göttliches Warnsignal.
00:13:36: Naja und er behielt ja auch recht?
00:13:38: Definitiv….
00:13:39: Als der Krieg dann Jahre später tatsächlich seine Region erreicht, dokumentiert er total akribisch die Truppendurchzüge.
00:13:46: Diese extremen Preisanstiege beim Getreide und eben diese ständigen Fluchten nach Ulm.
00:13:52: Das Schreiben ordnet dieses unglaubliche Chaos
00:13:55: Verstehe.
00:13:56: Er zwingt das völlig unbegreifliche Grauen in eine chronologische Struktur.
00:14:01: Es ist eine Form der historischen Traumotherapie sozusagen.
00:14:04: Er beweist sich selbst.
00:14:05: Ich bin noch hier Ich bin Zeuge.
00:14:07: Wow,
00:14:08: das ist ein unfassbar starkes Bild!
00:14:11: Ein Mann der da in der Dunkelheit sitzt und gegen das Vergessen und irgendwie auch gegen den eigenen Wahnsinn anschreibt?
00:14:19: Ja
00:14:19: Und durch unsere heutigen digitalen Möglichkeiten passiert jetzt echt etwas Magisches, finde ich.
00:14:24: Wir können die Akten der ganz großen Politik von Christian im Zweiten nehmen und sie direkt neben die Notizen von so einem Schumacher wie Heberle legen oder neben Hagendorf.
00:14:35: Genau wir sehen den Befehl, die militärische Ausführung Vollkommen gleichzeitig.
00:14:42: Exakt, das ist der große, große Wert dieser Multi-Perspektivität!
00:14:46: Aber wir dürfen hier eine ganz entscheidende Gruppe von Zeitzeugen auf keinen Fall vergessen.
00:14:51: Welche meinst du?
00:14:52: Die spirituellen Zeugen – wenn ich unsere Quellenlage zu diesem speziellen Bereich anschaue, dann tauchen da sofort drei Namen auf.
00:15:01: Welcher hast Du da?
00:15:02: Da ist einmal Clara Steiger.
00:15:03: Das war eine Augustina Korffrau und Priorin aus Eichstedt….
00:15:08: Ihr vollständiges Tagebuch der Kriegsjahre ist übrigens auf Wikisauce digitalisiert abrufbar.
00:15:13: Kann man sich direkt anschauen?
00:15:15: Ein sehr beeindruckendes Zeugnis!
00:15:17: Ein haben wir Anna-Maria Junius, eine Dominikaner Nonne aus Bamberg und Sebastian Bürster – das war ein Benediktiner Mönch, der eine extrem detaillierte Beschreibung des sogenannten Schwedischen Krieges verfasst hat, die es auch über Wikisource abruft barm.
00:15:33: Diese Ordensleute haben sich ja völlig bewusst dafür entschieden, sich von der weltlichen fehlerhaften Gesellschaft abzuwenden.
00:15:40: Die gehen hinter dicke Steinmauern um ein streng geregeltes rein auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen.
00:15:47: Deren Alltag besteht aus stundengebeten Arbeit und so spiritueller Kontemplation Und plötzlich aus dem Nichts klopft buchstäblich die Apokalypse an ihre Tore.
00:15:58: Der Krieg, der ignoriert diese dicken Mauern einfach.
00:16:01: Ja völlig!
00:16:02: Die hören die Schreie aus den Nachbardörfern... ...die sehen den Rauch am Horizont aufsteigen und irgendwann früher oder später stehen bewaffnete Söldner direkt in ihren Kreuzgängen.
00:16:12: Und sie können nicht weg?
00:16:13: Genau.
00:16:13: Die können nicht einfach in den Wald fliehen wie der Bauerpreis.
00:16:16: Die sind an ihrem Ort gebunden.
00:16:19: Diese kognitive Dissonanz zwischen ihrem friedlichen, spirituellen Anspruch auf der einen Seite und dieser ultragewalttätigen Realität die da in ihren Bunker eindringt.
00:16:28: Das muss extrem gewesen sein!
00:16:30: Diese Dissonance ist absolut der Kern ihrer Berichte.
00:16:34: Nehmen wir mal klarer Steiger als Beispiel, die du gerade erwähnt hast
00:16:37: Ja?
00:16:37: Die aus Eichstedt?
00:16:38: Genau In Eichstädt spürt man beim Lesen ihres Tagebuchs förmlich wie sich die Schlinge um sie langsam zuzieht.
00:16:46: Zuerst dokumentiert sie eigentlich nur Gerüchte.
00:16:49: Berichte von Flüchtlingen, die im Kloster um Essen betteln.
00:16:52: Also noch eine gewisse Distanz?
00:16:53: Ja!
00:16:54: Aber dann rückt die Front näher.
00:16:57: Unschließlich, sechzehnhundertvierunddreißig fallen die schwedischen Truppen tatsächlich ein.
00:17:01: Die Klosterinsassen müssen fliehen und als klarer Steiger später zurückkehrt Da findet sie ihre Kirche geschendet.
00:17:07: Altäre sind zerschlagen, die Reliquien völlig entweit.
00:17:11: Ein Albtraum für eine Priorin.
00:17:13: Für sie war das nicht nur ein materieller Verlust, es war ein direkter Angriff auf das Zentrum ihrer gesamten Existenz.
00:17:20: Aber warum dokumentieren die das so unfassbar pedantisch?
00:17:23: Ich meine einerseits waren in den Klöstern natürlich das Monopolaufbildung und Schreibkunst sowieso enorm hoch.
00:17:28: Ja, die konnten alle schreiben!
00:17:29: Das war Standard.
00:17:30: Dass Sie es konnten ist logisch aber da muss doch noch mehr dahinter stecken als reines Chronistenpflichtgefühl.
00:17:35: Da gibt's zwei Hauptebenen.
00:17:37: Die erste Ebene ist tatsächlich institutionell pragmatisch
00:17:41: Pragmatisch, inwiefern?
00:17:42: Als Priorintrug klarer Steiger die volle Verantwortung für das Klostervermögen.
00:17:47: Das Aufzeichnen von gestohlenen Kälchen geplünderten Vorreden und zerstörten Ländereien war schlichtweg auch eine buchhalterische Notwendigkeit.
00:17:56: Ach so!
00:17:57: als Beweis
00:17:58: Genau Man musste für die Nachwelt und vielleicht auch für spätere Herrscher ganz genau festhalten was dem Kloster geraubt wurde um später eventuell Kompensation fordern zu können.
00:18:07: Okay...das ist die geschäftliche Seite.
00:18:10: Und die zweite Ebene?
00:18:12: Das ist die theologische Krisenbewältigung.
00:18:16: Und das ist es, was diese Texte heute so unfassbar tiefgründig macht.
00:18:21: Stell dir vor!
00:18:22: Du widmest dein ganzes Leben Gott und dann musst du zusehen wie Soldaten deiner heiligen Städten als Toiletten benutzen und deine Mitschwestern bedrohen.
00:18:31: Schrecklich!
00:18:32: Da stellt sich unweigerlich die sogenannte TODC-Frage.
00:18:36: Warum lässt Gott das überhaupt zu?
00:18:39: Warum straf der uns so furchtbar hart?
00:18:42: In den Schriften von Sebastian Bürster oder Anna-Maria Junius spüren wir genau dieses ständige Ringen.
00:18:49: Jede Niederlage der katholischen Seite, jeder Überfall auf das Kloster wird als göttliche Strafe für eigene Sünden interpretiert.
00:18:56: Die suchen also die Schuld bei sich selbst!
00:18:59: Ja – die Klöster versuchen das irrationale Leid in ihr theologisches Weltbild zu pressen Denn wenn die das nicht tun, dann würde die Welt komplett ihren Sinn verlieren.
00:19:09: Das Schreiben ist hier quasi eine spirituelle Verteidigungslinie.
00:19:14: Wahnsinn!
00:19:14: Wir haben hier also den Söldner der völlig emotionslos seine Überlebenstechniken notiert, den Schuhmacher, der durch das Ordnen von Daten seiner Ohnmacht entflieht und die Nonne, die um ihr theologisches Weltbild ringt.
00:19:28: Es ist unglaublich, wie nahe uns diese Texte an die psychologische Realität von damals heranbringen.
00:19:34: Ja und der Zugang zu genau dieser psychologischen Realität war wirklich noch nie so einfach wie heute.
00:19:39: Zum Glück!
00:19:40: Wir leben in einer Zeit, in der diese jahrhundertealten Handschriften eben nicht mehr nur in klimatisierten dunklen Archiven für ein paar wenige Fachhistoriker zugänglich sind... Die Digitalisierung hat hier eine absolute Demokratisierung des Wissens bewirkt.
00:19:56: Lass uns da mal genau darüber sprechen, weil wenn ich mich jetzt als höherer Frage okay wie komme ich denn selbst an diese Texte heran ohne jetzt gleich Archivwissenschaften studiert zu haben?
00:20:07: Unsere
00:20:07: Notizen bieten dann nämlich eine fantastische Übersicht!
00:20:11: Da sticht für mich vor allem die Sammlung von Bernd Warlich heraus.
00:20:14: Die heißt der Dreißigjährige Krieg in Selbstzeugnissen, Kroniken und Berichten.
00:20:20: Wenn man sich das mal ansieht, ist es ein regelrechtes Lebenswerk.
00:20:24: Da finden sich hunderte Biografien und zählige Auszüge aus Tagebüchern und fertig transkribierte Briefe.
00:20:31: Walix Datenbank ist eine absolute Goldmine!
00:20:35: Sie nimmt dir diese extrem schwere Arbeit ab, diese kriegeligen Handschriften des siebzehnten Jahrhunderts entziffern zu müssen – und liefert dir die transkibierten Texte direkt auf den Bildschirm.
00:20:46: Sehr komfortabel.
00:20:47: Total.
00:20:49: Wer richtig tief in die Originaldokumente der Feldherren oder eben in die kompletten Tagebücher von Leuten wie Clara Steiger oder Sebastian Böster eintauchen will, für den ist außerdem Wikisauce eine unschätzbare Ressource.
00:21:03: Dort gibt es ganz liebevoll aufbereitete Quelleneditionen, die man einfach so lesen
00:21:07: kann.".
00:21:10: Wenn ich mir wahrlich Startenbank mit diesen Hunderten von Biografien und Tausenden Querverweisen ansehe, da fühle ich mich fast ein bisschen erschlagen.
00:21:18: Das kann Einschicht dann wirken?
00:21:20: Ja!
00:21:20: Das ist ein potentieller Information Overload.
00:21:24: Wenn ich jetzt heute Abend einfach nur auf dem Sofa sitze, neugierig geworden bin und nur so den allerersten Schritt in diese Welt machen möchte...
00:21:31: Dann willst du nicht gleich einen Buch lesen.
00:21:33: Wäre es dann nicht sinnvoller, nicht gleich mit der rohen Textdatenbank anzufangen?
00:21:38: In unseren Unterlagen wird ja explizit die ZDF Terra X-Dokumentation erwähnt.
00:21:43: Die heißt DER dreißigjährige Krieg – Tagebücher des Überlebens!
00:21:47: Ist so eine visuelle Aufbereitung vielleicht der bessere Filter für den allerersten Einstieg?
00:21:52: Definitiv!
00:21:53: Das ist eigentlich der optimale Lernfahrt für jemanden, der neu in dem Thema ist.
00:21:59: Diese Dokumentation macht methodisch nämlich etwas sehr schlaues Anstatt die Geschichte einfach nur ganz stumpf chronologisch anhand von Jahreszahlen und großen Schlachten zu erzählen.
00:22:08: Was oft langweilig ist?
00:22:10: Genau, stattdessen nutzt sie explizit die Tagebücher von Peter Hagendorf und Hans Heberle als das erzählerische Rückgrat der ganzen Doku.
00:22:20: Die historischen Ereignisse werden durch ihre persönlichen Erlebnisse reinszeniert.
00:22:25: Das gibt diesem riesigen abstrakten Krieg plötzlich ein Gesicht und eine Stimme.
00:22:28: Wenn man sich diese Doku ansieht, bekommt man ein fundamentales Verständnis für die Lebensrealität
00:22:33: damals.".
00:22:34: Und von da aus kann man dann tiefer graben wenn man will?
00:22:38: Ganz genau!
00:22:38: Wenn du nach der Doku wissen willst okay wie lesen Sie Hagendorfs oder Hebelesworte eigentlich im Original?
00:22:44: Dann gehst Du im zweiten Schritt auf die Portale der BBB für die historische Einordnung.
00:22:49: Da liest Du Dir kurze wissenschaftliche Zusammenfassungen durch Und wenn du dann richtig Blut geleckt hast,
00:22:54: dann
00:22:56: öffnest du die große Datenbank von Waulich oder die Editionen auf Wikisauce.
00:23:02: Du gehst also quasi vom passiven Konsumieren der Bilder zum aktiven Lesen der analytischen Texte bis hin zur direkten Konfrontation mit der Primärquelle.
00:23:10: Ein super Weg!
00:23:12: So verhinderst du einfach dass dich die schiere Masse an Informationen völlig überwältigt und du baust stattdessen ein tiefes nachhaltiges Verständnis
00:23:20: auf.
00:23:21: Was für eine Reise wirklich?
00:23:23: Wenn man sich diese Aufzeichnungen ansieht, dann verschwindet die zeitliche Distanz von vierhundert Jahren fast völlig.
00:23:30: Ja!
00:23:30: Man fühlt sich direkt verbunden.
00:23:33: Das Internet gibt uns heute echt die Werkzeuge an die Hand um diese Barriere einfach einzureißen.
00:23:37: Wir lesen die Gedanken von Söldnern, Fürsten, Schuhmacher und Priorinnen Und begreifen dass so eine abstrakte Epoche wie der Dreißigjährige Krieg letztlich aus Millionen von Einzelschicksalen bestand.
00:23:49: Ganz genau so ist es.
00:23:50: Es waren echte Menschen.
00:23:52: Menschen, die frohren, die unbeschreibliche Angst um ihre Kinder hatten... ...die verhungerten und die verzweifelt versucht haben noch so einen lästen Rest von Würde und Sinn in einer Welt zu bewahren, die komplett verrückt gespielt hat!
00:24:07: Sie haben geschrieben, um nicht zu verschwinden
00:24:10: Und sie sind nicht verschwunden?
00:24:12: Sie sind noch
00:24:12: da?!
00:24:14: Wenn wir genau diesen Bogen von ihrer Schreibfeder damals in unsere hochdigitale Gegenwart spannen Dann bleibt da ein Gedanke, der mich persönlich beim Lesen dieser alten Dokumente echt nicht mehr losgelassen hat.
00:24:26: Das meinst du?
00:24:27: Schau dir das doch mal an!
00:24:29: Diese einfachen physischen Tagebücher aus Hadernpapier mit russiger Tinte geschrieben von einfachen Bauern und Nonnen.
00:24:36: die haben die größte Katastrophe ihrer Zeit überlebt zahllose Brände feuchte Keller Kriege und schließlich vier Jahrhunderte
00:24:43: Ja... Ein Wunder eigentlich.
00:24:45: Sie haben all das überstanden um uns heute in unserer Zeit ihre tiefste Wahrheit zu erzählen.
00:24:52: Und jetzt stell dir mal vor, wir würden heute in unserer hochmodernen Zeit eine ähnliche die ganze Gesellschaft erschütternde Krise durchleben.
00:25:00: Was würde denn von unseren persönlichen Zeugnissen übrig bleiben?
00:25:04: werden Historiker in vierhundert Jahren überhaupt in der Lage sein, unsere gelöschten Tweets diese ganzen Sprachnachrichten auf ausrangierten Handys oder die fragmentierten Daten auf korrumpierten Servern überhaupt noch auszulesen.
00:25:17: Oder wird es am Ende vielleicht so sein dass wir mit all unserer gigantischen technologischen Überlegenheit viel stimmer und unverstandener in die Geschichte eingehen werden als dieser kleine Schuhmacher Hans Heberle aus dem Jahr?
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